The Monks
Eine neue Masche

Dossier about the Avantgarde Band The Monks seen under the term Gesamtkunstwerk.

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It‘s Monk Time!
»Mit Musik lässt sich - heute - also fast jede (bild-) künstlerische Strategie optimieren«, so Diedrich Dietrichsen in seinem Buch »Kritik des Auges«. Und umgekehrt: heute vor vierzig Jahren optimierte die Band Monks ihre Musik mit einer künstlerischen Strategie.
Gary, Larry, Dave, Roger und Eddie: die Monks. Ohne Zweifel eine wichtige Band in der Pop- Geschichte. Sie galten und gelten immer noch als Geheimtipp. Mythos Monks. Die Band formt sich aus fünf ehemaligen GIs und zwei Kunst besessenen Managern, im Westdeutschland der Sechzigerjahre. Wohl kaum eine andere Gruppe hat in den nächsten zwei Jahrzehnten mehr zu den musikalischen und popkulturellen Trends beigetragen. Jimmy Bowien, ein Produzent der für Polydor arbeitete beschreibt ihren Sound als eine frühe Form des Heavy Metal und Industrial. Jochen Irmler, Mitbegründer der Krautrock Band Faust schreibt den Monks gar zu, dass »die 68er Revolution schon zwei Jahre vorher hätte passieren können, wenn die Leute nur den Sound der Monks verstanden hätten«. Nun gut, das sei jetzt mal so dahingestellt. Was ich viel mehr im folgenden nachgehen möchte ist, ob man die Band mit dem Begriff des Gesamtkunstwerkes klassifizieren kann. Merkmale dafür gibt es allemal.

Die Bandgeschichte.
Die musikalische Karriere der Monks war nur von kurzer Dauer. Sie begann in Hamburg im Januar 1966 und endete in Nürnberg im September 1967. Nach der Auflösung begannen beide Manager eine erfolgreiche Karriere in der Werbung, während alle ehemaligen Bandmitglieder in die USA zurückkehrten. Sie blieben kaum in Kontakt nach ihrer Heimreise. Sie redeten nicht einmal über ihre Karrieren als Avantgarde Musiker. Sie hatten keine Ahnung, dass Deutsche Bands wie Can, Faust, Kraftwerk und Neu! die Tradition der Monks am Leben erhielt. Als Polydor ihre erste Re-Issue von ihrer einzigen Platte »Black Monk Time« 1979 auf den Markt brachte, waren die Leute endlich bereit für sie, vor allem dank der Post-Punk Bewegung. Gegen Ende der Achtziger, coverten The Fall einige ihrer Songs. Henry Rollins und Rick Rubin brachten »Black Monk Time« in Amerika heraus. Es ist überraschend, dass niemand realisiert zu haben scheint, wie einflussreich die Manager gewesen sind, oder welch starkes ästhetisches Konzept hinter der Band steckte.
Nachdem sie vierzig Jahre lang von der Bildfläche verschwunden waren, war ihr erster Auftritt in Deutschland, der in der ausverkauften Volksbühne in Berlin stattfand, ein klares Highlight. Gast Sänger waren unter anderem Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen und Mark E. Smith von The Fall, die bereits unter dem Namen »Silver Monk Time« ein Tribute-Album aufgenommen hatten.
Drei von den fünf Originalmitgliedern (Schlagzeuger Roger Johnston starb 2004, Organist Larry Clark »mochte nicht kommen«) gaben in der überfüllten Volksbühne ein bewegendes Comeback-Konzert. Einige Fans hatten zur Feier des Tages schwarze Hemden angezogen und weiße Stricke um die Hälse gebunden. Vereinzelt waren auch sauber rasierte Tonsuren zu sehen. Unter diesen Aspekten gilt es dieses Phänomen unter dem Begriff des Gesamtkunstwerkes zu untersuchen.

Das Konzept.
Die Monks waren mehr als eine Band, sie waren ein Projekt. Fünf in der BRD stationierte amerikanische Soldaten gründen während ihrer Militärzeit die Beat Band The Torquays. Eine solide, aber unoriginelle Beat-Band, die mit einem Repertoire von Cover-Versionen durch die Clubs tingelte. Immerhin müssen The Torquays so gut gewesen sein, dass zwei deutsche Designstudenten auf sie aufmerksam wurden. Karl-H. Remy und Walther Niemann (siehe Bild 06). Im Juni 1965 besuchten die zwei Beat-Fans ein Konzert der Band in Stuttgart. Die beiden jungen Akademiker hatten sich mit Semiotik und Ästhetik befasst und brauchten jetzt eine Band »für ein Projekt«1), wie Monks Gitarrist Gary Burger es auch in einem Interview formuliert. Die entscheidende Rolle für den plötzlichen und drastischen Richtungswechsel in der weiteren Bandgeschichte spielten somit fortan Karl-H. Remy und Walther Niemann. Remy studierte an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm und war sich seiner kulturellen Verantwortung sicherlich bewusst. Niemann wiederum besuchte die Folkwang Schule in Essen, wo die Ideen des Bauhaus auf graphisches Design übertragen wurden. Gemeinsam entwirft man ein Bandkonzept, eine Corporate Identity. Beide wurden sie zu Machern und Managern der Band, indem sie ihre auf den Hochschulen erworbenen Erkenntnisse direkt auf das Bandkonzept der Monks anwendeten. Insofern sind die Monks auch ein Kunstprojekt. Remy und Niemann, lehrten sie die Reduktion. »Sie sagten uns, wir sollten reduzieren, nur einen durchgehenden Beat, statt sechs Akkorde nur zwei, statt 15 Wörter nur drei«1), erklärt Bassist Eddie im Interview. Die Musik der Monks war somit abgespeckt bis auf das Gerippe, repetitiv, primitivistisch, hypnotisch.
»Wenn man sich die Platte ansah, dieses ganz schwarze Cover oder auch die Rückseite, dann hatte das überhaupt nichts mit den Stones, den Beatles oder den Kinks mehr zu tun. Diese Gruppen müsste man aus einem Kunstkontext heraus stilistisch ja eher dem Barock zuordnen. Die Monks trugen keine Rüschenhemden, sie waren eher wie ein Gebäude von Mies van der Rohe, da gab es nur das Notwendigste.«2) Der Vergleich stammt von Filmregisseur Dietmar Post. Die Manager »designten« die Monks als »Anti-Beatles«: kurze Haare mit Tonsur, schwarze Kleidung, Strick um den Hals, gefährliches Image. »Auf der Straße wichen die Menschen uns aus; wenn wir sie anguckten, guckten sie weg«, erinnert sich Gitarrist Gary Burger, »nur die jungen Mädchen lachten und winkten uns zu, sie hielten uns für irgendeinen religiösen Kult«.1) (siehe Bild 01).

Krach, Krach und keine Musik.
Man bricht mit dem gängigen Bild, des Beat. Während die Beatles von Blumen und Liebe sangen, brüllten die Monks, »I hate you« und »why do you kill all those kids in Vietnam?«. Man kann sie auch als eine Parodie auf die weichgespülten Monkees sehen. Als einen Angriff auf bürgerliche Spießigkeit. »Krach, Krach und keine Musik«1), rezensierte die Bild-Zeitung ihre ersten Konzerte.
Ihre Musik war minimalistisch und aggressiv, ihre Texte ironisch und radikal, ihre Ästhetik provokant und dadaistisch. Die besondere Situation zwischen Adenauer-Politik und Vietnamkrieg, amerikanischer Pop- und wachsender deutscher Gegenkultur manifestierte sich in den radikalen Anti- Kriegsliedern der Monks und ihrer neuen Mischung von angloamerikanischem Pop und deutscher Avantgarde.
Aus der gefälligen Beatles-, Stones- und Kinks-Coverband wurden »knallharte Mönche, die, »knüppelten«, dass die »Fetzen« flogen“ (Hamburger Morgenpost). Sie drehten ihre Gitarrenverstärker so weit auf wie möglich und spielten so laut und verzerrt, wie es nur ging, von fiependen und schreienden Gitarrenrückkopplungen begleitet (insbesondere letzteres war in der Rockmusik der 50er- und frühen 60er-Jahre bis dahin völlig undenkbar gewesen). Ihr Schlagzeuger hatte an seinem Gerät sämtliche Becken abgebaut und trommelte nur noch auf den Toms, so dass ein stumpfer und dumpfer, primitiv treibender Sound entstand; unterstützt von einem stumpf stets auf die 1 geschlagenen Banjo, mit dem die Monks die im Rock‘n‘Roll sonst übliche Rhythmusgitarre ersetzten: ein erstaunlicher, sich überdies keinem 4/4-Takt-Schema fügender Lärm, der auf das zeitgenössische Publikum äußerst verwirrend wirkte. In der Fernsehsendung Beatclub wirkt das Publikum zum Beispiel eher ratlos als die Mönche gottesdienstähnlich vor ihren auf dem Boden liegenden wild fiependen Gitarren niederknien. Drei Mitglieder der Band versammelten sich während eines kurzen namenlosen Liedes um die Gitarre und jeder zupfte an verschiedenen Saiten oder klopfte darauf herum, während Bass und Schlagzeug weiter für den Beat sorgten. Eben diese Szenen ist auch in dem Dokumentarfilm »Monks - The Transatlantic Feedback« von den Berliner Filmemacher Dietmar Post und Lucía Palacios zu sehen. In der aufwändig recherchierten Musikdokumentation kann man erstaunt beobachten, wie sie eine improvisierte laute Performance zu hämmerndem Schlagzeug, verzerrtem, hypnotischem Bassriff, wirrer Orgel und Schellenkränzen hinlegten. (siehe Bild 04).

The Rules.
Die ZEIT schreibt in einem Artikel: »The Monks waren Originale, als viele andere Formationen nur ihre Vorbilder kopierten. Fünf schwarz gekleidete amerikanische Ex-GIs mit Mönchsfrisuren und um den Hals gebundenen Galgenstricken: Popgruppen sahen nicht nur damals anders aus. Als die Haare in den sechziger Jahren länger wurden, rasierten sich die Monks Tonsuren. Einmal Monk, immer Monk.«6) (siehe Bild 02). Zudem wichtig war, dass zu der auferlegten Identität auch Regeln gehörten. Diese Regeln für das Monk Image werden unter Lachen in der Dokumentation vorgetragen:

»The rules for the monks in public, openly you have to be always a monk, dressed black, hair short always to always to always to and always to move like a monk hard sexy strong exciting full speed dangerous but not only on the stage, but also on the street but never be a torquay.« (siehe Bild 03).

Allmählich wurde das »Anti-Image« zum anstrengenden Korsett. Ja, zur Last. Die Dokumentation zeigt schön, wie die Musiker anfingen, gegen die Monks-Regeln zu verstoßen, sich auch einmal ein buntes Hemd anzogen oder die Haare wachsen ließen. »You can‘t borrow the image. You cant‘ borough it. You have to own it. And we owned it for a while, but after a certain period of time, people said, I don‘t want to own this anymore. I don‘t like this. This is too much baggage.« Als sich dann auch noch ihre Manager zerstritten, brach die Band auseinander.

Fluxus. Das Leben ist ein Kunstwerk.
»Dangerous«, auf der Bühne, aber auch auf der Straße, so lautete eine Regel des Monks-Regelkanons. Was hier zählte, war die schöpferische Idee, wo wir bei der Dispositive des Fluxus-Happenings wären. Die Band wird ganz klar bestimmten Normen unterworfen. »Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben.« hatte die Künstlerin und Mitbegründerin der Fluxus Bewegung Emmett Williams gesagt, was dem Band Konzept doch schon sehr nahe kommt. Fluxus war eine kurzlebige Kunstrichtung die, in den sechziger Jahren entstand. Sie ist eine Form der Antikunst und der Versuch, neue kollektive Lebensformen zu schaffen. Um nun die Parallele zu ziehen; auch die Idee des Gesamtkunstwerkes ist es Kunst und Leben als Einheit zu gestalten.
Die Fluxus-Konzerte boten keine klangliche oder instrumentelle Ausgewogenheit, sondern waren Klangerlebnisse, bei denen jedes Objekt zum Instrument werden konnte. Auch Monks Konzerte hatten durchaus den Charakter von Fluxus-Aktionen. Zum Beispiel das bereits beschriebene Stück im Beatclub als die Band gemeinsam auf der liegende Gitarre herumzupft und eine Feedbackorgie veranstaltet. »In Deutschland gab es ein paar Jahre davor Aktionen von Wolf Vostell, Conrad Schnitzler oder Nam June Paik höchstpersönlich. Aktionen, wo sie beispielsweise ein Klavier zerschlagen haben (siehe Bild 05). Oder es auch nur bestiegen oder Saiten zerrissen haben. Es ist die alte John Cage-Idee: Alles gehört mit zum Konzert. Auch wenn jemand einen Stuhl verrückt. Und wie die Monks die Gitarre auf dem Boden beinahe schüchtern mit ihren Händen berühren, das ist das erste Mal innerhalb der Popmusik - natürlich nicht innerhalb der klassischen oder elektronischen Musik - die Loslösung des Instruments von demjenigen, der es spielt. Danach war Popmusik nie mehr so wie vorher.«2)
Auch Diedrich Dietrichsen spricht davon, dass Kunst und Musik einander als Magelwesen lieben. Für ihn sind »Musiker als Performer wichtig.«5) Im Interview werden die Filmemacher gefragt ob den die Monks diese ganzen Einflüsse aus der Kunst denn gekannt oder überhaupt verstanden haben. »Sagen wir mal so: Sie haben sich gefreut, dass wir uns so viele Gedanken gemacht haben. Die fanden das spannend. Es gab aber auch Unverständnis. Das war eher Karls und Walters Aufgabe. Die beiden haben ja kein Konzert von Cage oder Stockhausen verpasst. Über ihren Job waren sie u.a. einmal in der Woche in London und sahen dort die Yardbirds, die Pretty Things, einfach jede wichtige Band. Die kannten sich gnadenlos gut aus.«

Das Gesamtkunstwerk.
1983 wurde in Zürich der Versuch unternommen, in einer quantitativ umfassenden Ausstellung des Phänomens Gesamtkunstwerk Herr zu werden. »Der Hang zum Gesamtkunstwerk« so der Titel dieses Ausstellungsprojektes, sollte aufzeigen, mit welchen Schwierigkeiten ein Definitionsversuch des Begriffes Gesamtkunstwerk verbunden ist. Die Zürcher Ausstellung mit ihrer weitgefächerten Palette unterschiedlichster Künstler und Kunstwerke führte dem Betrachter drastisch vor, wie breit das Anwendungsgebiet des Begriffes Gesamtkunstwerk sein kann.
Der Ausstellungsmacher Harald Szeemann schreibt am Anfang des Ausstellungs-Kataloges, »Der Begriff Gesamtkunstwerk, von Richard Wagner erstmals für sein Kunstwollen und seine Vision der Vereinigung der Künste im »Kunstwerk der Zukunft« in seinen Zürcher Schriften (1850/51) verwendet, wurde theoretisch nie definiert und ist nur in der Kunstliteratur zu einer beliebig verwendbaren Begriffshülse geworden.«3) In der Tat drängt sich einem aufmerksamen Leser der Feullitons verschiedenster Zeitschriften und Zeitungen, einem wachsamen Betrachter von Kulturmagazinen der bundesdeutschen Fernsehanstalten unweigerlich der Eindruck auf, dass die Verwendung des Begriffes Gesamtkunstwerk eine wahrhafte Inflation erlebt. Gesamtkunstwerke, wo man hingeht und hinguckt. In den meisten Fällen werden diverse Kunstformen und -stile zu einem Kunstwerk verbunden und vereinigt. Dennoch, kaum ein Begriff ist so widersprüchlich und hat so viele Ausprägungen wie das Gesamtkunstwerk. Wenn man sich selbst fragt, was den ein Gesamtkunstwerk überhaupt ist, wird klar, dass der Begriff schwer zu fassen ist.
»Eine Typologie des Gesamtkunstwerkes gibt es nicht. (..)Gesamtkunstwerke erscheinen in stets neuen Abwandlungen, allein oder kombiniert mit zeitgenössischen Anregungen.«3) Es ist nicht eindeutig, was man meint, wenn man von einem Gesamtkunstwerk spricht. »Die Sache, um die es dabei geht, ist älter als der Name. Leider ist nicht ganz klar, um welche Sache es geht«4), schrieb Bazon Brock in seinem Aufsatz in dem Ausstellungsband »Der Hang zum Gesamtkunstwerk« (1983). Deswegen hat dieses Konzept möglicherweise so viele Ausprägungen gefunden. Für Wagner war es die Oper, für die Monks die Pop Musik.

Kunst und Musik.
Die Idee ist plausibel. Viele Kunstrichtungen wie das Theater oder die Malerei sind begrenzt. Es gibt bestimmte Schranken. Das heißt, man beschränkt sich auf eine Sache, die Bühne oder die Leinwand. »Musik steht für ein Update zur Verfügung das die bildende Kunst an ein neues Publikum, aber auch an eine andere, neue Verwertungsmöglichkeiten jenseits der Galerie und der Originale anschließen könnte.«5) Kunst im Grunde multisensuell. Der Anspruch von Kunst ist es,»Das Leben abbilden«, da liegt es nahe Kunstrichtungen zu verbinden. In einem multisensuellen Sinne führt dies zu der Idee des Gesamtkunstwerks.
»Die Geschichte, des Konzept Gesamtkunstwerk ist mit der Entdeckung verbunden, dass jede Wahrnehmungsaufgabe - also auch eine monomediale Malerei, Plastik, Graphik oder Musikkomposition - immer zugleich alle sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmungen stimuliert. Die Auffassung, dass Malerei nur das Auge, Musik nur das Ohr, Plastik nur den Tastsinn, Architektur nur den Raumsinn stimuliere, entspricht nicht den tatsächlichen Vorgängen in der menschlichen Wahrnehmung.«4)
Bestes Beispiel: Wagner. Er hatte den Anspruch auf das bestes Bühnenbild, die begabtesten Sänger, die schönsten Kostüme, die poetischste Dichtung. Wagner wollte damit den bestmöglichsten Effekt erreichen. Dies war seine Idee des Gesamtkunstwerkes, die auch heute populäre Herangehensweiße, unterschiedliche Medien zu benutzen. Der Vergleich Wagner - Monks ist etwas wagemutig und die Monks mögen nicht wie Wagner geklungen haben, doch ihr Konzept macht das von Wagner Realität. Sie fügten Musik, Text, Auftreten und Tanz zu einem nicht voneinander trennbaren Ganzen. Unterschied wäre wohl zudem, dass die Monks«nicht die Welt erklären wollten, wie Wagner es wollte. Doch es genügt nicht nur unterschiedliche Medien zu verbinden. Das gestaltete Werk, das Gesamtkunstwerk, ist Träger des Anspruchs auf Darstellung eines Ganzen. Auch Kurt Schwitters Anliegen war es mit einem Gesamtkunstwerk „Beziehungen zu schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“ Bazon Brocks Definition des Gesamtkunstwerkes ist folgende: »Speziell im künsterischen Bereich ist die Annahme verbreitet, insofern man behauptet, ein Gesamtkunstwerk entstehe durch Addition der üblicherweise nur einzeln verwendeten sprachlichen Medien und künstlerischen Techniken. Darauf aber kommt es nicht an. Auch ein monomediales Werk - wie eine Malerei - kann Gesamtkunstwerks-Konzeptionen entwickeln. Entscheidend ist, ob ein Werk das Konzept »Gesamtkunstwerk« zum Thema macht, also zu fragen und zu zeigen versucht, wie die Fähigkeit der Menschen, sich selbst und ihre Welt wahrzunehmen, zusammenspielen, so dass die Erfahrung eines übergeordneten Zusammenhangs möglich wird.«4) Für diesen Anspruch benötigt es immer auch eine Gemeinschaft, ein Publikum, das diese Art der Welterklärung im Sinne eines Gesamtkunstwerkes stützt. Das künstlerische Tun erhob dem Publikum gegenüber einen umfassenden Anspruch auf Wirkung, diese Wirkung konnte nur erzwungen werden, insoweit das Publikum als Publikum eine Rolle im Konzept des Gesamtkunstwerks übernahm. Wie bereits angeführt gingen die Fans der Monks so weit sich bei der Reunion-Show in der Volksbühne zu verkleiden und somit dem Image zu folgen. »Entscheidend ist vor allem, wie dieses Werk das Verhältnis zwischen gedanklichem Konstrukt und faktischem Handeln reflektiert.«4) Das von den Managern geschaffene Image, gedankliche Konstrukt auf der einen Seite und die Band die danach handelt, das gedankliche Konstrukt ausführt.

Obsession.
»Musik tendiert von Haus aus zu Konnektivität. In vielen musikalischen Gattungen ist es das formulierte Ideal, mit etwas anderem sich zu verbinden.«5) Schon bei John Cage wurde das Künstlermodell in die bildende Kunst eingeführt.
Ich würde nicht so weit gehen, die Manager als Genies zu bezeichnen, aber Bazon Brock versteht sie als Spezialisten, die »(...), das Konstruieren eines übergeordneten Zusammenhangs, die persönliche Verkörperung und die allgemeine Verpflichtung auf ein Ganzes zur alles beherrschenden Motivation werden zu lassen. «4) Ich würde Die Manager eher als von einer Obsession beherrschten verstehen. »Das Konzept Gesamtkunstwerk ist in erster Linie durch die Obsession gekennzeichnet, mit der Individuen das Bild vom Ganzen die persönliche Verkörperung des Ganzen und die allgemeine Unterwerfung unter das Ganze zu realisieren versuchen.«4)
»Damit soll angedeutet sein, dass auch die Individuen mit der größten Obsession nicht in der Lage sind, in ihrer Person und Rolle tatsächlich jene Einheit von Denken, Wollen und Können mit Bezug auf ein umfassendes und übergeordnetes Ganzes zu verwirklichen. Wo das dennoch gegen alle Erfahrung versucht wird, wird die Obsession zur Gewalt gegen andere.«4). An dieser Stelle sei an die menschenverachtend Regeln der Manager Remy und Niemann erinnert. Sie waren radikal in ihrem Konzept. Sie schafften, »...das Künstlerkonzept in die Lage zu versetzen, die diese Mittel bestimmenden und verteilenden materiellen, ökonomischen, politischen und semiotischen Instanzen zu adressieren – jenseits der Sinnesgrenze Bild und Ton.« 5)

Im Blick zurück entstehen die Dinge.
Interessant ist auch, dass die Geschichte der Monks in den Zeiten des Umbruchs, während dem Gefrierpunkt des Kalten Krieges begann »(...) denn in schwierig werdenden Zeiten ist der Drang zum Wert und zur Besitzfestschreibung noch größer geworden.«3) und auch, dass: »Bei bildenden Künstlern ist der Hang zum Gesamtkunstwerk meist in jungen Jahren oder in Umbruchsituationen am größten und weicht dann der Ausarbeitung eines Stiles.« so Harald Szeemann. »Dennoch ist das Konzept Gesamtkunstwerk nicht den Künstlern vorbehalten - schon gar nicht den bildenden Künstlern.«4) Die Monks gingen nach ihrer Auflösung unter, während, wie in der Einleitung erwähnt, andere Bands ihre Tradition aufrecht erhielten und sich somit neue Musikstile bildeten. Unter diesem Aspekt kann man einen klaren Hang zum Gesamtkunstwerk erkennen. Mehr aber auch nicht. Man kann sagen, die Monks haben Ihrer Zeit Praktiken aus der Bildenden Kunst auf die Pop Musik übertragen. Wie so oft werden auch hier Zusammenhänge erst im Nachhinein richtig erkennbar.
Wenn man abschließend die Monks dennoch als Gesamtkunstwerk sehen will, kann hier Wagner zitiert werden. Auch wenn der Zusammenhang ein anderer ist, finde ich es treffend, wenn man die gesetzten älteren Herren heute mit zwei Hunden und Tiffany-Schreibtischlampe zu Hause sitzen sieht: »Hier traf ich denn auch sofort auf das Kunstwerk, welches allen Zeiten als das vollendeste gelten muss, nämlich das Drama.«8)

1) Monks, The Transatlantic Feedback (2006): Ein Dokumentarfilm von Dietmar Post
und Lucía Palacios

2) The Monks, »Es war wie die Sendung mit der Maus«, http://www.laut.de

3) Harald Szeemann: „Vorbereitungen“ in: Der Hang zum Gesamtkunstwerk (1983)

4) Brock, Bazon: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ in: Der Hang zum Gessamt-
kunstwerk (1983)

5) Diedrichsen, Dietrich: Kritik des Auges, Texte zur Kunst, FUNDUS Bd. 173

6) Die Zeit: Die Anti-Beatles aus Gelnhausen

7) Schwitters, Kurt: „Merz“ (1924) in: Lach, Friedhelm (Hrsg.): Kurt Schwitters.
Das literarische Werk, Band V, Köln 1978; S. 187

8) Wagner, Richard: in einem Brief an Hector Berlioz, Paris, Februar, 1860


The Monks
Eine neue Masche

Dossier about the Avantgarde Band The Monks seen under the term Gesamtkunstwerk.

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It‘s Monk Time!
»Mit Musik lässt sich - heute - also fast jede (bild-) künstlerische Strategie optimieren«, so Diedrich Dietrichsen in seinem Buch »Kritik des Auges«. Und umgekehrt: heute vor vierzig Jahren optimierte die Band Monks ihre Musik mit einer künstlerischen Strategie.
Gary, Larry, Dave, Roger und Eddie: die Monks. Ohne Zweifel eine wichtige Band in der Pop- Geschichte. Sie galten und gelten immer noch als Geheimtipp. Mythos Monks. Die Band formt sich aus fünf ehemaligen GIs und zwei Kunst besessenen Managern, im Westdeutschland der Sechzigerjahre. Wohl kaum eine andere Gruppe hat in den nächsten zwei Jahrzehnten mehr zu den musikalischen und popkulturellen Trends beigetragen. Jimmy Bowien, ein Produzent der für Polydor arbeitete beschreibt ihren Sound als eine frühe Form des Heavy Metal und Industrial. Jochen Irmler, Mitbegründer der Krautrock Band Faust schreibt den Monks gar zu, dass »die 68er Revolution schon zwei Jahre vorher hätte passieren können, wenn die Leute nur den Sound der Monks verstanden hätten«. Nun gut, das sei jetzt mal so dahingestellt. Was ich viel mehr im folgenden nachgehen möchte ist, ob man die Band mit dem Begriff des Gesamtkunstwerkes klassifizieren kann. Merkmale dafür gibt es allemal.

Die Bandgeschichte.
Die musikalische Karriere der Monks war nur von kurzer Dauer. Sie begann in Hamburg im Januar 1966 und endete in Nürnberg im September 1967. Nach der Auflösung begannen beide Manager eine erfolgreiche Karriere in der Werbung, während alle ehemaligen Bandmitglieder in die USA zurückkehrten. Sie blieben kaum in Kontakt nach ihrer Heimreise. Sie redeten nicht einmal über ihre Karrieren als Avantgarde Musiker. Sie hatten keine Ahnung, dass Deutsche Bands wie Can, Faust, Kraftwerk und Neu! die Tradition der Monks am Leben erhielt. Als Polydor ihre erste Re-Issue von ihrer einzigen Platte »Black Monk Time« 1979 auf den Markt brachte, waren die Leute endlich bereit für sie, vor allem dank der Post-Punk Bewegung. Gegen Ende der Achtziger, coverten The Fall einige ihrer Songs. Henry Rollins und Rick Rubin brachten »Black Monk Time« in Amerika heraus. Es ist überraschend, dass niemand realisiert zu haben scheint, wie einflussreich die Manager gewesen sind, oder welch starkes ästhetisches Konzept hinter der Band steckte.
Nachdem sie vierzig Jahre lang von der Bildfläche verschwunden waren, war ihr erster Auftritt in Deutschland, der in der ausverkauften Volksbühne in Berlin stattfand, ein klares Highlight. Gast Sänger waren unter anderem Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen und Mark E. Smith von The Fall, die bereits unter dem Namen »Silver Monk Time« ein Tribute-Album aufgenommen hatten.
Drei von den fünf Originalmitgliedern (Schlagzeuger Roger Johnston starb 2004, Organist Larry Clark »mochte nicht kommen«) gaben in der überfüllten Volksbühne ein bewegendes Comeback-Konzert. Einige Fans hatten zur Feier des Tages schwarze Hemden angezogen und weiße Stricke um die Hälse gebunden. Vereinzelt waren auch sauber rasierte Tonsuren zu sehen. Unter diesen Aspekten gilt es dieses Phänomen unter dem Begriff des Gesamtkunstwerkes zu untersuchen.

Das Konzept.
Die Monks waren mehr als eine Band, sie waren ein Projekt. Fünf in der BRD stationierte amerikanische Soldaten gründen während ihrer Militärzeit die Beat Band The Torquays. Eine solide, aber unoriginelle Beat-Band, die mit einem Repertoire von Cover-Versionen durch die Clubs tingelte. Immerhin müssen The Torquays so gut gewesen sein, dass zwei deutsche Designstudenten auf sie aufmerksam wurden. Karl-H. Remy und Walther Niemann (siehe Bild 06). Im Juni 1965 besuchten die zwei Beat-Fans ein Konzert der Band in Stuttgart. Die beiden jungen Akademiker hatten sich mit Semiotik und Ästhetik befasst und brauchten jetzt eine Band »für ein Projekt«1), wie Monks Gitarrist Gary Burger es auch in einem Interview formuliert. Die entscheidende Rolle für den plötzlichen und drastischen Richtungswechsel in der weiteren Bandgeschichte spielten somit fortan Karl-H. Remy und Walther Niemann. Remy studierte an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm und war sich seiner kulturellen Verantwortung sicherlich bewusst. Niemann wiederum besuchte die Folkwang Schule in Essen, wo die Ideen des Bauhaus auf graphisches Design übertragen wurden. Gemeinsam entwirft man ein Bandkonzept, eine Corporate Identity. Beide wurden sie zu Machern und Managern der Band, indem sie ihre auf den Hochschulen erworbenen Erkenntnisse direkt auf das Bandkonzept der Monks anwendeten. Insofern sind die Monks auch ein Kunstprojekt. Remy und Niemann, lehrten sie die Reduktion. »Sie sagten uns, wir sollten reduzieren, nur einen durchgehenden Beat, statt sechs Akkorde nur zwei, statt 15 Wörter nur drei«1), erklärt Bassist Eddie im Interview. Die Musik der Monks war somit abgespeckt bis auf das Gerippe, repetitiv, primitivistisch, hypnotisch.
»Wenn man sich die Platte ansah, dieses ganz schwarze Cover oder auch die Rückseite, dann hatte das überhaupt nichts mit den Stones, den Beatles oder den Kinks mehr zu tun. Diese Gruppen müsste man aus einem Kunstkontext heraus stilistisch ja eher dem Barock zuordnen. Die Monks trugen keine Rüschenhemden, sie waren eher wie ein Gebäude von Mies van der Rohe, da gab es nur das Notwendigste.«2) Der Vergleich stammt von Filmregisseur Dietmar Post. Die Manager »designten« die Monks als »Anti-Beatles«: kurze Haare mit Tonsur, schwarze Kleidung, Strick um den Hals, gefährliches Image. »Auf der Straße wichen die Menschen uns aus; wenn wir sie anguckten, guckten sie weg«, erinnert sich Gitarrist Gary Burger, »nur die jungen Mädchen lachten und winkten uns zu, sie hielten uns für irgendeinen religiösen Kult«.1) (siehe Bild 01).

Krach, Krach und keine Musik.
Man bricht mit dem gängigen Bild, des Beat. Während die Beatles von Blumen und Liebe sangen, brüllten die Monks, »I hate you« und »why do you kill all those kids in Vietnam?«. Man kann sie auch als eine Parodie auf die weichgespülten Monkees sehen. Als einen Angriff auf bürgerliche Spießigkeit. »Krach, Krach und keine Musik«1), rezensierte die Bild-Zeitung ihre ersten Konzerte.
Ihre Musik war minimalistisch und aggressiv, ihre Texte ironisch und radikal, ihre Ästhetik provokant und dadaistisch. Die besondere Situation zwischen Adenauer-Politik und Vietnamkrieg, amerikanischer Pop- und wachsender deutscher Gegenkultur manifestierte sich in den radikalen Anti- Kriegsliedern der Monks und ihrer neuen Mischung von angloamerikanischem Pop und deutscher Avantgarde.
Aus der gefälligen Beatles-, Stones- und Kinks-Coverband wurden »knallharte Mönche, die, »knüppelten«, dass die »Fetzen« flogen“ (Hamburger Morgenpost). Sie drehten ihre Gitarrenverstärker so weit auf wie möglich und spielten so laut und verzerrt, wie es nur ging, von fiependen und schreienden Gitarrenrückkopplungen begleitet (insbesondere letzteres war in der Rockmusik der 50er- und frühen 60er-Jahre bis dahin völlig undenkbar gewesen). Ihr Schlagzeuger hatte an seinem Gerät sämtliche Becken abgebaut und trommelte nur noch auf den Toms, so dass ein stumpfer und dumpfer, primitiv treibender Sound entstand; unterstützt von einem stumpf stets auf die 1 geschlagenen Banjo, mit dem die Monks die im Rock‘n‘Roll sonst übliche Rhythmusgitarre ersetzten: ein erstaunlicher, sich überdies keinem 4/4-Takt-Schema fügender Lärm, der auf das zeitgenössische Publikum äußerst verwirrend wirkte. In der Fernsehsendung Beatclub wirkt das Publikum zum Beispiel eher ratlos als die Mönche gottesdienstähnlich vor ihren auf dem Boden liegenden wild fiependen Gitarren niederknien. Drei Mitglieder der Band versammelten sich während eines kurzen namenlosen Liedes um die Gitarre und jeder zupfte an verschiedenen Saiten oder klopfte darauf herum, während Bass und Schlagzeug weiter für den Beat sorgten. Eben diese Szenen ist auch in dem Dokumentarfilm »Monks - The Transatlantic Feedback« von den Berliner Filmemacher Dietmar Post und Lucía Palacios zu sehen. In der aufwändig recherchierten Musikdokumentation kann man erstaunt beobachten, wie sie eine improvisierte laute Performance zu hämmerndem Schlagzeug, verzerrtem, hypnotischem Bassriff, wirrer Orgel und Schellenkränzen hinlegten. (siehe Bild 04).

The Rules.
Die ZEIT schreibt in einem Artikel: »The Monks waren Originale, als viele andere Formationen nur ihre Vorbilder kopierten. Fünf schwarz gekleidete amerikanische Ex-GIs mit Mönchsfrisuren und um den Hals gebundenen Galgenstricken: Popgruppen sahen nicht nur damals anders aus. Als die Haare in den sechziger Jahren länger wurden, rasierten sich die Monks Tonsuren. Einmal Monk, immer Monk.«6) (siehe Bild 02). Zudem wichtig war, dass zu der auferlegten Identität auch Regeln gehörten. Diese Regeln für das Monk Image werden unter Lachen in der Dokumentation vorgetragen:

»The rules for the monks in public, openly you have to be always a monk, dressed black, hair short always to always to always to and always to move like a monk hard sexy strong exciting full speed dangerous but not only on the stage, but also on the street but never be a torquay.« (siehe Bild 03).

Allmählich wurde das »Anti-Image« zum anstrengenden Korsett. Ja, zur Last. Die Dokumentation zeigt schön, wie die Musiker anfingen, gegen die Monks-Regeln zu verstoßen, sich auch einmal ein buntes Hemd anzogen oder die Haare wachsen ließen. »You can‘t borrow the image. You cant‘ borough it. You have to own it. And we owned it for a while, but after a certain period of time, people said, I don‘t want to own this anymore. I don‘t like this. This is too much baggage.« Als sich dann auch noch ihre Manager zerstritten, brach die Band auseinander.

Fluxus. Das Leben ist ein Kunstwerk.
»Dangerous«, auf der Bühne, aber auch auf der Straße, so lautete eine Regel des Monks-Regelkanons. Was hier zählte, war die schöpferische Idee, wo wir bei der Dispositive des Fluxus-Happenings wären. Die Band wird ganz klar bestimmten Normen unterworfen. »Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben.« hatte die Künstlerin und Mitbegründerin der Fluxus Bewegung Emmett Williams gesagt, was dem Band Konzept doch schon sehr nahe kommt. Fluxus war eine kurzlebige Kunstrichtung die, in den sechziger Jahren entstand. Sie ist eine Form der Antikunst und der Versuch, neue kollektive Lebensformen zu schaffen. Um nun die Parallele zu ziehen; auch die Idee des Gesamtkunstwerkes ist es Kunst und Leben als Einheit zu gestalten.
Die Fluxus-Konzerte boten keine klangliche oder instrumentelle Ausgewogenheit, sondern waren Klangerlebnisse, bei denen jedes Objekt zum Instrument werden konnte. Auch Monks Konzerte hatten durchaus den Charakter von Fluxus-Aktionen. Zum Beispiel das bereits beschriebene Stück im Beatclub als die Band gemeinsam auf der liegende Gitarre herumzupft und eine Feedbackorgie veranstaltet. »In Deutschland gab es ein paar Jahre davor Aktionen von Wolf Vostell, Conrad Schnitzler oder Nam June Paik höchstpersönlich. Aktionen, wo sie beispielsweise ein Klavier zerschlagen haben (siehe Bild 05). Oder es auch nur bestiegen oder Saiten zerrissen haben. Es ist die alte John Cage-Idee: Alles gehört mit zum Konzert. Auch wenn jemand einen Stuhl verrückt. Und wie die Monks die Gitarre auf dem Boden beinahe schüchtern mit ihren Händen berühren, das ist das erste Mal innerhalb der Popmusik - natürlich nicht innerhalb der klassischen oder elektronischen Musik - die Loslösung des Instruments von demjenigen, der es spielt. Danach war Popmusik nie mehr so wie vorher.«2)
Auch Diedrich Dietrichsen spricht davon, dass Kunst und Musik einander als Magelwesen lieben. Für ihn sind »Musiker als Performer wichtig.«5) Im Interview werden die Filmemacher gefragt ob den die Monks diese ganzen Einflüsse aus der Kunst denn gekannt oder überhaupt verstanden haben. »Sagen wir mal so: Sie haben sich gefreut, dass wir uns so viele Gedanken gemacht haben. Die fanden das spannend. Es gab aber auch Unverständnis. Das war eher Karls und Walters Aufgabe. Die beiden haben ja kein Konzert von Cage oder Stockhausen verpasst. Über ihren Job waren sie u.a. einmal in der Woche in London und sahen dort die Yardbirds, die Pretty Things, einfach jede wichtige Band. Die kannten sich gnadenlos gut aus.«

Das Gesamtkunstwerk.
1983 wurde in Zürich der Versuch unternommen, in einer quantitativ umfassenden Ausstellung des Phänomens Gesamtkunstwerk Herr zu werden. »Der Hang zum Gesamtkunstwerk« so der Titel dieses Ausstellungsprojektes, sollte aufzeigen, mit welchen Schwierigkeiten ein Definitionsversuch des Begriffes Gesamtkunstwerk verbunden ist. Die Zürcher Ausstellung mit ihrer weitgefächerten Palette unterschiedlichster Künstler und Kunstwerke führte dem Betrachter drastisch vor, wie breit das Anwendungsgebiet des Begriffes Gesamtkunstwerk sein kann.
Der Ausstellungsmacher Harald Szeemann schreibt am Anfang des Ausstellungs-Kataloges, »Der Begriff Gesamtkunstwerk, von Richard Wagner erstmals für sein Kunstwollen und seine Vision der Vereinigung der Künste im »Kunstwerk der Zukunft« in seinen Zürcher Schriften (1850/51) verwendet, wurde theoretisch nie definiert und ist nur in der Kunstliteratur zu einer beliebig verwendbaren Begriffshülse geworden.«3) In der Tat drängt sich einem aufmerksamen Leser der Feullitons verschiedenster Zeitschriften und Zeitungen, einem wachsamen Betrachter von Kulturmagazinen der bundesdeutschen Fernsehanstalten unweigerlich der Eindruck auf, dass die Verwendung des Begriffes Gesamtkunstwerk eine wahrhafte Inflation erlebt. Gesamtkunstwerke, wo man hingeht und hinguckt. In den meisten Fällen werden diverse Kunstformen und -stile zu einem Kunstwerk verbunden und vereinigt. Dennoch, kaum ein Begriff ist so widersprüchlich und hat so viele Ausprägungen wie das Gesamtkunstwerk. Wenn man sich selbst fragt, was den ein Gesamtkunstwerk überhaupt ist, wird klar, dass der Begriff schwer zu fassen ist.
»Eine Typologie des Gesamtkunstwerkes gibt es nicht. (..)Gesamtkunstwerke erscheinen in stets neuen Abwandlungen, allein oder kombiniert mit zeitgenössischen Anregungen.«3) Es ist nicht eindeutig, was man meint, wenn man von einem Gesamtkunstwerk spricht. »Die Sache, um die es dabei geht, ist älter als der Name. Leider ist nicht ganz klar, um welche Sache es geht«4), schrieb Bazon Brock in seinem Aufsatz in dem Ausstellungsband »Der Hang zum Gesamtkunstwerk« (1983). Deswegen hat dieses Konzept möglicherweise so viele Ausprägungen gefunden. Für Wagner war es die Oper, für die Monks die Pop Musik.

Kunst und Musik.
Die Idee ist plausibel. Viele Kunstrichtungen wie das Theater oder die Malerei sind begrenzt. Es gibt bestimmte Schranken. Das heißt, man beschränkt sich auf eine Sache, die Bühne oder die Leinwand. »Musik steht für ein Update zur Verfügung das die bildende Kunst an ein neues Publikum, aber auch an eine andere, neue Verwertungsmöglichkeiten jenseits der Galerie und der Originale anschließen könnte.«5) Kunst im Grunde multisensuell. Der Anspruch von Kunst ist es,»Das Leben abbilden«, da liegt es nahe Kunstrichtungen zu verbinden. In einem multisensuellen Sinne führt dies zu der Idee des Gesamtkunstwerks.
»Die Geschichte, des Konzept Gesamtkunstwerk ist mit der Entdeckung verbunden, dass jede Wahrnehmungsaufgabe - also auch eine monomediale Malerei, Plastik, Graphik oder Musikkomposition - immer zugleich alle sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmungen stimuliert. Die Auffassung, dass Malerei nur das Auge, Musik nur das Ohr, Plastik nur den Tastsinn, Architektur nur den Raumsinn stimuliere, entspricht nicht den tatsächlichen Vorgängen in der menschlichen Wahrnehmung.«4)
Bestes Beispiel: Wagner. Er hatte den Anspruch auf das bestes Bühnenbild, die begabtesten Sänger, die schönsten Kostüme, die poetischste Dichtung. Wagner wollte damit den bestmöglichsten Effekt erreichen. Dies war seine Idee des Gesamtkunstwerkes, die auch heute populäre Herangehensweiße, unterschiedliche Medien zu benutzen. Der Vergleich Wagner - Monks ist etwas wagemutig und die Monks mögen nicht wie Wagner geklungen haben, doch ihr Konzept macht das von Wagner Realität. Sie fügten Musik, Text, Auftreten und Tanz zu einem nicht voneinander trennbaren Ganzen. Unterschied wäre wohl zudem, dass die Monks«nicht die Welt erklären wollten, wie Wagner es wollte. Doch es genügt nicht nur unterschiedliche Medien zu verbinden. Das gestaltete Werk, das Gesamtkunstwerk, ist Träger des Anspruchs auf Darstellung eines Ganzen. Auch Kurt Schwitters Anliegen war es mit einem Gesamtkunstwerk „Beziehungen zu schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“ Bazon Brocks Definition des Gesamtkunstwerkes ist folgende: »Speziell im künsterischen Bereich ist die Annahme verbreitet, insofern man behauptet, ein Gesamtkunstwerk entstehe durch Addition der üblicherweise nur einzeln verwendeten sprachlichen Medien und künstlerischen Techniken. Darauf aber kommt es nicht an. Auch ein monomediales Werk - wie eine Malerei - kann Gesamtkunstwerks-Konzeptionen entwickeln. Entscheidend ist, ob ein Werk das Konzept »Gesamtkunstwerk« zum Thema macht, also zu fragen und zu zeigen versucht, wie die Fähigkeit der Menschen, sich selbst und ihre Welt wahrzunehmen, zusammenspielen, so dass die Erfahrung eines übergeordneten Zusammenhangs möglich wird.«4) Für diesen Anspruch benötigt es immer auch eine Gemeinschaft, ein Publikum, das diese Art der Welterklärung im Sinne eines Gesamtkunstwerkes stützt. Das künstlerische Tun erhob dem Publikum gegenüber einen umfassenden Anspruch auf Wirkung, diese Wirkung konnte nur erzwungen werden, insoweit das Publikum als Publikum eine Rolle im Konzept des Gesamtkunstwerks übernahm. Wie bereits angeführt gingen die Fans der Monks so weit sich bei der Reunion-Show in der Volksbühne zu verkleiden und somit dem Image zu folgen. »Entscheidend ist vor allem, wie dieses Werk das Verhältnis zwischen gedanklichem Konstrukt und faktischem Handeln reflektiert.«4) Das von den Managern geschaffene Image, gedankliche Konstrukt auf der einen Seite und die Band die danach handelt, das gedankliche Konstrukt ausführt.

Obsession.
»Musik tendiert von Haus aus zu Konnektivität. In vielen musikalischen Gattungen ist es das formulierte Ideal, mit etwas anderem sich zu verbinden.«5) Schon bei John Cage wurde das Künstlermodell in die bildende Kunst eingeführt.
Ich würde nicht so weit gehen, die Manager als Genies zu bezeichnen, aber Bazon Brock versteht sie als Spezialisten, die »(...), das Konstruieren eines übergeordneten Zusammenhangs, die persönliche Verkörperung und die allgemeine Verpflichtung auf ein Ganzes zur alles beherrschenden Motivation werden zu lassen. «4) Ich würde Die Manager eher als von einer Obsession beherrschten verstehen. »Das Konzept Gesamtkunstwerk ist in erster Linie durch die Obsession gekennzeichnet, mit der Individuen das Bild vom Ganzen die persönliche Verkörperung des Ganzen und die allgemeine Unterwerfung unter das Ganze zu realisieren versuchen.«4)
»Damit soll angedeutet sein, dass auch die Individuen mit der größten Obsession nicht in der Lage sind, in ihrer Person und Rolle tatsächlich jene Einheit von Denken, Wollen und Können mit Bezug auf ein umfassendes und übergeordnetes Ganzes zu verwirklichen. Wo das dennoch gegen alle Erfahrung versucht wird, wird die Obsession zur Gewalt gegen andere.«4). An dieser Stelle sei an die menschenverachtend Regeln der Manager Remy und Niemann erinnert. Sie waren radikal in ihrem Konzept. Sie schafften, »...das Künstlerkonzept in die Lage zu versetzen, die diese Mittel bestimmenden und verteilenden materiellen, ökonomischen, politischen und semiotischen Instanzen zu adressieren – jenseits der Sinnesgrenze Bild und Ton.« 5)

Im Blick zurück entstehen die Dinge.
Interessant ist auch, dass die Geschichte der Monks in den Zeiten des Umbruchs, während dem Gefrierpunkt des Kalten Krieges begann »(...) denn in schwierig werdenden Zeiten ist der Drang zum Wert und zur Besitzfestschreibung noch größer geworden.«3) und auch, dass: »Bei bildenden Künstlern ist der Hang zum Gesamtkunstwerk meist in jungen Jahren oder in Umbruchsituationen am größten und weicht dann der Ausarbeitung eines Stiles.« so Harald Szeemann. »Dennoch ist das Konzept Gesamtkunstwerk nicht den Künstlern vorbehalten - schon gar nicht den bildenden Künstlern.«4) Die Monks gingen nach ihrer Auflösung unter, während, wie in der Einleitung erwähnt, andere Bands ihre Tradition aufrecht erhielten und sich somit neue Musikstile bildeten. Unter diesem Aspekt kann man einen klaren Hang zum Gesamtkunstwerk erkennen. Mehr aber auch nicht. Man kann sagen, die Monks haben Ihrer Zeit Praktiken aus der Bildenden Kunst auf die Pop Musik übertragen. Wie so oft werden auch hier Zusammenhänge erst im Nachhinein richtig erkennbar.
Wenn man abschließend die Monks dennoch als Gesamtkunstwerk sehen will, kann hier Wagner zitiert werden. Auch wenn der Zusammenhang ein anderer ist, finde ich es treffend, wenn man die gesetzten älteren Herren heute mit zwei Hunden und Tiffany-Schreibtischlampe zu Hause sitzen sieht: »Hier traf ich denn auch sofort auf das Kunstwerk, welches allen Zeiten als das vollendeste gelten muss, nämlich das Drama.«8)

1) Monks, The Transatlantic Feedback (2006): Ein Dokumentarfilm von Dietmar Post
und Lucía Palacios

2) The Monks, »Es war wie die Sendung mit der Maus«, http://www.laut.de

3) Harald Szeemann: „Vorbereitungen“ in: Der Hang zum Gesamtkunstwerk (1983)

4) Brock, Bazon: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ in: Der Hang zum Gessamt-
kunstwerk (1983)

5) Diedrichsen, Dietrich: Kritik des Auges, Texte zur Kunst, FUNDUS Bd. 173

6) Die Zeit: Die Anti-Beatles aus Gelnhausen

7) Schwitters, Kurt: „Merz“ (1924) in: Lach, Friedhelm (Hrsg.): Kurt Schwitters.
Das literarische Werk, Band V, Köln 1978; S. 187

8) Wagner, Richard: in einem Brief an Hector Berlioz, Paris, Februar, 1860